Falke

Beutemanagement – ein alternativer Ansatz

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Wäre der Habicht, ein absoluter Einzelgänger, oder Harris Hawk wirklich des Falkners Freund, dann flöge er bei falscher Konditionierung nicht einfach weg. Was aber ist dann das schmale, nicht sichtbare Band, das Falkner und Vogel verbindet?

Auch wenn man es nicht gerne hört: Es ist eine Zweckgemeinschaft! Der Vogel lernt sehr schnell, dass der Falkner, zusammen z.B. mit Hund und Frettchen, ihm das Jagen einfacher macht.

In der Natur begleiten Habichte und andere Greifvögel Rehwild, Rotwild etc., um aus der Deckung aufgetriebene Beutetiere leichter erbeuten zu können. Bei der Entenjagd mit der Waffe, kann man hoch am Himmel anwartende Wanderfalken beobachten, die darauf harren, dass eine Ente angeflickt und somit zur leichten Beute wird.

Im Grunde genommen nutzen Falkner und Vogel sich also gegenseitig. Das nennt man auch symbiotisches Verhalten.

Generell gilt: Der Vogel jagt nur in der richtigen Kondition mit dem Falkner zusammen. Seine Motivation ist Beute zu machen um seinen eigenen Hunger zu stillen, nicht unseren! Es reicht daher nicht, dass der Vogel Appetit hat, vielmehr muss er durch richtiges Training und angepasster Atzung in die richtigen Kondition gebracht werden, um ohne Wenn und Aber mit Erfolg zu jagen. Ist diese Grundvoraussetzung gegeben, ist die Basis für eine gelungene Jagd gelegt.

Hat dann der Vogel Beute gemacht und soll diese freigeben, werden jedoch häufig Fehler gemacht.
Also was passiert, wenn der Harris oder auch der Habicht z.B. ein Kaninchen erbeutet hat?

In der Regel findet man folgende Vorgehensweise: Der Falkner tritt auf den Vogel zu, um ihm das Kaninchen abzunehmen bzw. zu versorgen. Dabei sichert er das noch lebende Kaninchen mit einer Hand an den Hinterläufen, um es dann auf verschiedene Art und Weise, zum Beispiel mit einem Stilett oder durch Überstrecken des Halswirbels, abzufangen.

Wir stellen uns vor, der Vogel hat das Kaninchen mit doppeltem Kopfgriff optimal gebunden. Wie kommt der Falkner jetzt mit dem Stilett an die Beute, ohne den Vogel zu verletzen oder ohne aggressives Verhalten gegen einen potenziellen Nahrungskonkurrenten hervorzurufen? Wie bekommt er die Beute weidmännisch in die Hände, um durch Überstrecken des Nackenwirbels ihren schnellen Tod herbei zu führen?

Irgendwie gelingt das immer und man findet eine Stelle für das Stilett, während der Vogel noch auf der Beute steht. Vielleicht könnte man ja auch den Vogel dazu animieren vom doppelten Kopfgriff umzugreifen, sodass das Überstrecken leichter geht – das wird jedoch nur selten freiwillig geschehen.

Auf jeden Fall muss der Vogel von der Beute herunter, was der natürlich nicht versteht. Seiner Natur entsprechend wehrt sich der Vogel auf unterschiedlichste Weise dagegen, seine Beute zu verlieren.

Ich traf einmal einen Falkner auf Norderney, der mit einem blauen unterlaufenen Auge von der Jagd kam. Als ich ihn scherzhaft fragte, ob er in die volle Rechte eines Boxers gelaufen sei, sagte er mit einem Lächeln „Nein das war mein Harris. Mein Harris hat, auf einem erbeuteten Kaninchen stehend, mir, als ich näher kam und das Kaninchen abfangen wollte, auf unmissverständliche Art und Weise gezeigt, dass er dies aktuell nicht für akzeptabel hält.

Um den Vogel in einer solchen Situation von dem bereits getöteten Kaninchen abzunehmen, wird ihm in guter Absicht oftmals eine vollfleischige Kaninchenkeule auf dem Handschuh präsentiert, von der er dann ein paar Häppchen bekommt, die ihm dann aber weggerissen wird. Aus des Vogels Sicht wird ihm seine Beute einfach weggenommen und der Falkner in diesem Moment eher als Beutekonkurrent, denn als Kooperationspartner wahrgenommen.

Für mich ist es ein richtiger und wichtiger Grundsatz, dass der Vogel immer alles bekommt, was ihm auf dem Handschuh gereicht wird und zwar immer!

Ansonsten schlägt er irgendwann die gebende Hand – in den meisten Fällen die rechte – und sein Aggressionspotenzial wird aufgrund des, für ihn negativen, Lerneffektes steigen.

Ein kurzer Vergleich mit uns Menschen mag das verdeutlichen. Angenommen, deine Frau hat dein Lieblingsessen gekocht. Du hast nicht nur Appetit, sondern richtig Schmacht oder anders gesagt, Heißhunger. Du möchtest einzig und allein nur essen. Jetzt fragt deine Frau: „Na, wie schmeckt es dir?“ Du antwortest: „Sehr gut, wie immer!“ Und jetzt passiert folgendes: Nach den ersten Bissen nimmt deine Frau dir den Teller weg. Augenblicklich entsteht eine Konfliktsituation bzw. Problemsituation. Wie das ausgeht? Na ja, wer weiß das schon.

Nach diesem kleinen Ausflug in unsere Welt, zurück zu unserem Hobby bzw. zu unserer Leidenschaft, der Falknerei. Die Ausgangssituation war, dass der Vogel auf dem gerade geschlagenen Kaninchen steht und dieses noch lebt. Wie können wir das Beutemanagement so gestalten, dass beide, Falkner und Vogel, als Sieger aus dieser Situation hervorgehen ohne jeden Stress? Ich löse dies so:

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Das Team ist bereit, der Vogel in bester Kondition – heute gehen wir auf Kaninchen. Schon am Vorabend habe ich ein großes ausgewachsenes Kaninchen aus der Gefriertruhe geholt.

Von einem anderen Kaninchen habe ich kleine Stücke schieres Fleisch abgelöst, ungefähr halb daumendick. Am Tag der Jagd lege ich diese Fleischstücke ich ein kleines Plastikgefäß, das mit etwas Wasser gefüllt ist.

Dies verstaue ich in einem der Fächer meiner Falknertasche. In einem anderen Fach packe ich das erstgenannte Kaninchen. Dies bleibt, bis auf eine kleine freigelegte Stelle unter der Achsel, im Bereich des Schulterblattes, voll. Die freigelegte Stelle sollte so groß sein, dass man das Fleisch sehen kann – und zwar jeder, der gute Augen hat.

So präpariert, gehe ich mit einer etwas anders gefüllten Falknertasche los auf Kaninchen.

Steht dann nach einem erfolgreichen Flug der Vogel auf einem Kaninchen, das er mit doppeltem Kopfgriff gebunden hat, nähere ich mich dem auf der Beute stehenden Vogel so, dass ich immer kleiner werde, damit das Beutetier mich nicht sieht und zusätzliche Kräfte mobil macht.

Da ich den Vogel auf der behandschuhten Faust links trage, sichere ich das Kaninchen an beiden Hinterläufen mit dieser geschützten Hand. Meine Falknertasche befindet sich auf meiner rechten Körperseite. Aus einem der Fächer hole ich das morgens eingepackte tote Kaninchen mit der bloßen Stelle unter der Achsel, an der das Fleisch sichtbar ist.

Ich lege mit meiner rechten Hand das tote Kaninchen neben das noch lebende Beute-Kaninchen, auf dem der Vogel steht. Der Abstand ist so bemessen, dass der Vogel die blanke Stelle leicht sehen kann.

Der Vogel tritt auf das tote Kaninchen über, da hier direkt Beutefleisch verfügbar ist. In diesem Moment drehe ich mich von dem Vogel weg und versorge die Beute durch Überstrecken des Nackenwirbels. Die Beute verschwindet in meiner Falknertasche.

Der Vogel wird diesen Vorgang nicht verfolgen und hat daran auch kein Interesse, da seine Aufmerksamkeit der freigelegten Stelle des anderen Kaninchens gewidmet ist.

Der Falknertasche bzw. dem Plastikgefäß entnehme ich einige der gewässerten Fleischstücke und platziere sie in der behandschuhten Hand, ohne dass der Vogel dies mitbekommen hat, denn er darf in dieser Zeit einige Bissen des „Ablenkungskaninchens“ nehmen.

Nun drehe ich mich wieder zu dem auf dem „Ablenkungskaninchen“ stehenden Vogel. Mit meinem Handschuh bedecke ich nun die offene Stelle dieses Kaninchens und mache möglichst gleichzeitig das blanke Fleisch auf meinem Handschuh sichtbar.

Der Vogel wird auf die Hand übertreten, da der „Freßreiz“ jetzt von diesem verfügbaren Fleisch ausgeht. Mit der anderen Hand greife ich das tote Kaninchen, auf dem gerade eben noch der Vogel gesessen hat, und lasse es, verborgen durch eine Körperdrehung, in der Falknertasche verschwinden, ohne dass der Vogel es mitbekommt.

Hat der Vogel die Fleischstückchen auf meinem Handschuh geatzt, zeige ich ihm die leicht geöffnete behandschuhte Faust. Er sieht, er hat alles bekommen.

Auch zeige ich ihm die gebende Hand geöffnet und der Vogel sieht, da ist auch nichts mehr. Es ist kein Futter mehr verfügbar für den Vogel, in seinen Augen hat er die Beute bekommen und er ist zufrieden.

Für beide Seiten, den Falkner und den Vogel, ist diese Vorgehensweise stressärmer:

Der Falkner kann die Beute schnell und ohne Gefährdung des Vogels oder seiner selbst versorgen.

Der Vogel nimmt den Falkner nicht als Beutekonkurrenten war, seine Bereitschaft zur Kooperation wird nicht gemindert.

Komturei Niedersachsen
Falknersheil,
Wolfgang Gees

veröffentlicht am Montag, 19. November 2018