Falke

Mäusebussarde Tina und Jens

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In und um meinem Heimatort in der Gemeinde Villmar, Ortsteil 65606 Weyer, brüten mehrere Mäusebussardpaare. Einer davon, ein männlicher Mäusebussard (Terzel) fliegt in der Brutsaison Ende März bis ca. Mitte Juni, schon seit mehreren Jahren sogenannte „Scheinangriffe“ auf Jogger oder Spaziergänger, die seinem Horst dann seiner Meinung nach zu nahe kommen! Der Horst ist in einem kleinen Wäldchen ca. 10 m Luftlinie direkt neben einem asphaltierten Weg gebaut, der zum heimischen Sportplatz außerhalb des Ortes führt und dementsprechend oft genutzt wird.

In den letzten 2-3 Jahren, der Horst wird immer an gleicher Stelle ausgebessert oder unmittelbar daneben neu auf einem Kirschbaum errichtet, belässt es der „Terzel“ aber nicht mehr nur bei „Scheinangriffen“, sondern fliegt direkt mit voller Wucht von vorne oder hinten an den Kopf der nichtsahnenden Spaziergänger oder Jogger! Das hat schon zu schwerwiegenden Verletzungen bei diesen geführt, (ich besitze Bilder und Videos davon), mancher hatte Glück das er nicht sein Augenlicht verliert!

Nachdem es nun so schlimm wurde, musste der Weg teilweise gesperrt werden bzw. wurden Warn-Hinweisschilder von der Gemeinde auf meinen Rat hin aufgestellt. So dachte man das Problem zu lösen, dem war aber nicht so. Entweder wurden die Schilder „übersehen“, bewusst missachtet da man den Bussard ja auch nicht sah (der „lauerte“ in den Bäumen des Wäldchens) oder es gipfelte in einem Anruf bei mir, das eine junge Frau sich beschwerte (als ob ich daran schuld sei) dass Sie sich von einem Mäusebussard „nicht vorschreiben lasse, wo sie spazieren oder Joggen gehen kann“!

Die Gemeinde als Ordnungsbehörde überlegte nun zur Gefahrenabwehr den Abschuss des Terzels oder Fällung des Horstbaumes und schaltete nun die zuständige Försterin, untere und obere Jagdbehörden, untere und obere Naturschutzbehörden zwecks Aufhebung der Schonzeit und den entsprechenden Genehmigungen ein. Inzwischen waren auch die Medien und Fernsehsender auf diesen „außer gewöhnlichen Fall“ aufmerksam geworden und berichteten mehr oder minder sachlich darüber. „Experten“ gaben teilweise kuriose Ratschläge wie man sich vor dem angreifenden Mäusebussard schützen könnte! Die „BILD“ titelte reißerisch: „50 Kita-Kinder in Gefahr…“ obwohl dieser Kindergarten mehrere hundert Meter entfernt und die Kinder so niemals gefährdet waren. Niemand wagte sich aber so richtig an die Problemlösung dieses „heißen Eisens“. Die zuständige Försterin Nadine Ströbele hatte Bedenken den stattlichen und gesunden Kirschbaum zu fällen, (dann würde logisch, im nächsten Jahr 2-3 m entfernt ein neuer Horst gebaut werden) keiner wollte so richtig eine Genehmigung für irgendwas erteilen, derjenige wäre ja dann auch der „Buhmann“ bei den sogenannten „Tierrechtlern“ gewesen.

So wurde ich abermals um Rat gefragt und schlug deshalb vor, die sicher noch vorhandenen Eier aus dem Horst zu holen, den Horst dann zu entfernen bzw. zu zerstören. Dann wäre für dieses Jahr bis zur nächstjährigen Brutsaison das Brutverhalten und die Aggressivität des Mäusebussard Paares nach ein paar Tagen erloschen und die Gefahr durch den Terzel gebannt. (Was dann auch funktionierte).

Anschließend werden die Eier dann in meiner Brutmaschine bis zum Schlupf ausgebrütet und die jungen Mäusebussarde dann von meinen eigenen Harris-Hawk (Wüstenbussarde) weiter aufgezogen (die zu dieser Zeit auch Junge hatten) und dann einem fremdem, wildlebenden Mäusebussard-Paar zur Adoption unter geschoben.

So passiert weder dem „angreifenden Mäusebussard-Terzel“ etwas und auch seine Jungen können überleben, was bei einem „Abschuss oder Baumfällung“ natürlich nicht mehr der Fall wäre und der Kirschbaum kann auch stehen bleiben. Natürlich kann das Problem im nächsten Jahr wieder auftreten, dann sollte man rechtzeitig Sicherungsmaßnahmen vorbereiten. Dieser Terzel ist schon ca. 7- 8 Jahre alt bzw. hier bekannt, ich denke in 2-3 Jahren wird er altersgemäß nicht mehr zur Brut schreiten, eventuell durch die jetzige Störung auch abgewandert sein.

Nach einer vor Ort Besprechung mit Gemeinde, Naturschutzbehörde, Försterin, Forstbetrieb Kraus und mir, erteilte die untere Naturschutzbehörde des Landkreises Limburg-Weilburg (Frau Irmgard Nonn) sehr schnell die Genehmigung hierzu. Über den Forstbetrieb Manuel Kraus aus Weilmünster mietete man eine Hebebühne, mit der ich dann mit Säge und Astschere, zusätzlich gesichert mit einem Fahrradhelm und Lederhandschuh, zum Horst hoch gehievt wurde. Im Horst selbst befanden sich zwei Eier die ich entnahm und dann den Horst aus der Baumkrone entfernte. Nach einer weiteren Woche schlüpften die Mäusebussard-Küken bei mir zu Hause im Brutkasten. Am 02. Mai erst ein Weib und am 04. Mai 2021 dann ein Terzel. Diese zog ich ca. 1 Woche mit der Hand in meinem Büro auf und gab sie dann in den Horst meines brütenden Harris-Hawk Paares, die zu dieser Zeit auch schon Junge hatten. Dieses sehr erfahrene Harris-Brutpaar zog diese noch weitere 18 Tage problemlos mit ihren eigenen Harris-Küken auf. Inzwischen waren auch auf die Medien aufmerksam geworden (Zeitungen, Fernsehen, interessierte Mitbürger usw. sprachen mich an und berichteten über diesen „ungewöhnlichen“ Fall. Am 25. Mai 2021 war ich dann „live“ mit den beiden Mäusebussardküken in der Fernsehsendung „Hallo Hessen“ vom Hessischen Rundfunk, HR 3 (noch nach zu sehen in der Mediathek des HR) und berichtete über diese. Die Fernsehzuschauer sollten laut dem Moderator Jens Kölker, Vorschläge für die noch „namenlosen Küken“ einsenden. Ja und man glaubt es kaum, es gingen hunderte Vorschläge per E-Mail noch in der Live-Sendung ein, „Tina“ und „Jens“ wurden dann schließlich ausgewählt.

Und zwei Tage später wollte ich die beiden einem anderen wildlebenden Bussardpaar unterschieben. Die fleißig am Brüten waren und deren Horst räumlich ca. 300 m Luftlinie in meiner Nähe vom Haus lag und ich diese Bussarde entsprechend oft beobachten konnte. Die Gemeinde Villmar orderte hierzu die große Drehleiter der Freiwilligen Feuerwehr Niederselters (Danke hier an die Feuerwehrleute Thomas Dettmann, der Michael Gotthard und Sven Andersen zum „freiwilligen Dienst“ verpflichtete) und ja, nun konnte ja auch nichts mehr schief gehen.

Ging es leider doch, den am ausgemachten Tag war es windig und es regnete in Strömen und ich wollte die ganze Aktion schon abbrechen. Aber es war natürlich mit allerlei Aufwand verbunden den Feuerwehrwagen mitsamt den Feuerwehrleuten „frei“ zu bekommen und so hob man mich dann mit der großen Drehleiter im Korb mit Feuerwehrmann Herrn Andersen in ca. 15 m Höhe in einen Kirschbaum zum Horst hoch. Leichter geschrieben wie ausgeführt, etliche störende Äste, die uns im Weg waren mussten beseitigt bzw. abgesägt werden, aber dazu war die Feuerwehr ja gerüstet.

Pitschnass nach ca. 15 Minuten endlich oben am Horst angekommen, war die Enttäuschung bei mir riesengroß. Der Horst war leer!! Was war da los? Über Tage hatte ich die Bussarde doch fest am Brüten und Füttern beobachtet. Nun, die Ursache war schnell klar, noch einen Tag vorher war hier nachts ein starker Sturm der den Horst wohl in eine totale Schieflage geweht hatte. Dies konnte man von unten durch die ganzen Äste leider nicht einsehen, erst als man oben war. Die Küken dieses Brutpaares waren abgestürzt und auch nicht mehr auffindbar, die beiden Altvögel waren noch in der Nähe. Allein den Sturz werden diese Küken nicht überlebt haben und unten am Boden auch eventuell von Fraßfeinden gefressen worden sein, eine Nachsuche blieb jedenfalls erfolglos.

Nass bis auf die Haut, erfolglos, Riesenaufwand, alles umsonst, wie ich mich fühlte kann man sich denken!! Das einzig Gute war dass ich „meine“ beiden Mäusebussarde nicht wie eigentlich geplant schon ein paar Tage früher in diesen Horst gesetzt hatte, sonst wären sie jetzt auch tot! Aber ich hatte noch Plan „B“ im Hinterkopf. Einen anderen besetzten Horst, auf einer Birke und der nicht ganz so hoch war, direkt neben einem asphaltierten Wirtschaftsweg. Dieser schien mir Anfangs wegen seiner geringen Höhe nicht so ideal, weshalb ich ja diesen hier bei mir in der Nähe bevorzugte.

OK, die ganze Aktion erst mal abgebrochen, mich bei den ganzen Helfern bedankt und mich zwei Tage später erneut bei dem anderen Horst verabredet, der ca. 2 km entfernt war. Da dieser Horst nicht so hoch war, versprach mir Erol Lintner, der 1. Vors. der Freiwilligen Feuerwehr meiner Heimatgemeinde Villmar-Weyer, mir mit einer größeren Leiter auszuhelfen, da brauchten wir keine Drehleiter mit dem großen Feuerwehrauto.

Vorweg, diesmal klappte alles ideal. Das Wetter war gut, der Horst mit der Feuerwehrleiter (Danke Jungs) gut zu erreichen. Kurz vorher konnte ich beobachten, wie ein Elsternpaar, dass sein Nest nur ein paar Meter weiter hatte, hartnäckig den weiblichen Mäusebussard-Brutvogel durch die Lüfte jagte und auf ihn ständige Scheinangriffe flog. Nun, als ich oben auf der Leiter angelangt in diesen Mäusebussard-Horst schauen konnte, wusste ich mir das Verhalten der Elstern zu erklären. Außer das ein ca. dreiwöchiger Mäusebussard Jungvogel im Horst lag und sich jetzt ängstlich duckte, lag darin auch noch eine frisch geschlagen, noch flugunfähige tote Jungelster und eine frische Feldmaus im Horst. Diese Jungelster hatten die Mäusebussarde wahrscheinlich in dem Horst der Elstern nebenan entdeckt und diese als Atzung für ihren Jungvogel erbeutet.

Trotzdem legte ich noch eine von mir mitgebrachte tote und gerupfte Taube als „Gastgeschenk“ in diesen Horst, hatte das Altpaar ja jetzt drei Jungvögel zu versorgen. Aber das diese gut „jagen“ können, hatten sie ja schon bewiesen. Die beiden Jungvögel von mir, die etwa 1 Woche älter waren, kuschelten sich auch gleich an ihr „Adoptivgeschwisterchen“ und fühlten sich sichtlich wohl in diesem Horst. Ich hatte beide schon vorher mit einem geschlossenen Namensring (Geis 21 0005 Tel.-Nr. Geis 21 0010 Tel.-Nr. sowie einem offenen Farbspiralring am anderen Bein beringt, so dass man vielleicht mal eine Rückmeldung von Ihnen bekommt (hoffentlich nur „positives“ und sie haben nicht das Verhalten ihres Vaters „geerbt“!) und sie so auch besser beobachten und unterscheiden kann.

Ich habe den Horst danach dann fast täglich kontrolliert, man konnte ja direkt unter Ihnen mit dem Auto auf dem Wirtschaftsweg durch fahren, ohne dass sie sich daran störten, nein, man hatte sogar den Eindruck das sie dies neugierig verfolgten. Mir ist es auch ein Rätsel warum die Altvögel gerade diesen Platz und auch noch so niedrig als Horststandort ausgewählt haben.

Es war eine Freude die drei Jungvögel gemeinsam aufwachsen und dann auch ausfliegen zu sehen. Dies hat mich dann doch für die ganzen Mühen entschädigt, die ich mit „meinen“ beiden hatte. Lohnt es sich den, sich für die ja nicht gerade seltenen Mäusebussarde so eine Arbeit zu machen? Ja, es lohnt sich, diese Frage habe ich mir nie gestellt. Natürlich bin ich über jeden Greifvogel/Eule froh, die ich NICHT zur Pflege bekomme, keine Frage.

Zum Schluss noch DANKE an all die vielen hier ungenannten Menschen und Helfer, die sich in irgendeiner Weise um die Lösung des „Problems“ gekümmert haben sowie ihre Hilfe. Besonders den Feuerwehrkameradinnen der Freiwilligen Feuerwehren von Niederselters und Weyer. Und ganz besonders meinem Nachbarn Günther Schöner, der wieder einmal mit einer Menge Fotos alles begleitet und dokumentiert hat für diesen Bericht. Darin ist er ja schon sehr erfahren, hat mich ja schon öfter bei Beizjagden und anderen „solchen“ Aktionen begleitet, dir nochmals herzlichen DANK Günther.

Berthold Geis
1.Vors. ODF Hessen

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veröffentlicht am Donnerstag, 15. Juli 2021